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Spektakulärer Mittelalteraltar im Fokus

Zu seinem 650. Geburtstag würdigt das Domstift den sogenannten Böhmischen Altar mit einer Kabinettausstellung.

Mit dem Böhmischen Altar besitzt der Dom eines der spektakulärsten Altarstücke des europäischen Mittelalters von herausragender kulturhistorischer Bedeutung. Weltweit bekannt ist er als eines der Hauptwerke der frühen Schnitzretabel nördlich der Alpen und als das einzige nahezu vollständig erhaltene Exemplar der heute weitgehend verlorenen böhmischen Retabelkunst aus der Zeit Karls IV., König von Böhmen und römisch-deutscher Kaiser. Seit Anfang November widmet sich eine Kabinettausstellung dem Altar.

Kunsthistorikerin Katharina Januschewski vom Dommuseum befasst sich seit knapp einem Jahr mit diesem besonderen Altar. Frau Januschewski, wie kam der Böhmische Altar in den Dom und was zeigt er?

Der Böhmische Altar ist ein Flügelretabel, das sich aus einem Schrein und einer separat verschließbaren kastenartigen Predella, also einem Sockel, zusammensetzt. In seinem Schrein werden sechs Heilige zu einer Gruppe der Marienkrönung vereint: das im Zentrum thronende Himmlische Königspaar Maria und Christus wird von den beiden Dompatronen Petrus und Paulus flankiert und außen durch die Heiligen Augustinus und Andreas eingerahmt. Als Zeugen dieser Krönungszeremonie treten auf den Altarflügeln rund 56 gemalte und geschnitzte Heiligengestalten auf, während die Innenseiten der Flügel der Predella Szenen aus dem irdischen Leben der beiden Dompatrone zeigen, die jeweils im Märtyrertod gipfeln.

Dank eines Pergamentzettels, der im Domstiftsarchiv aufbewahrt wird, wissen wir, dass der Altar am 12. April 1375 durch den Bischof von Brandenburg, Dietrich von der Schulenburg, feierlich geweiht und als neuer Hochaltar der Domkirche in Betrieb genommen wurde. Als solcher bestimmte er für fast 180 Jahre den liturgischen Alltag am Dom. Im 16. Jahrhundert musste er seinem neuzeitlichen Nachfolger weichen, dem sogenannten Lehniner Altar, der heute im Hohen Chor im Dom zu sehen ist. 

Was macht den Böhmischen Altar so besonders?

Er ist weltweit als eines der Hauptwerke der frühen nordalpinen Schnitzretabel bekannt und gilt als das einzige nahezu vollständig erhaltene Exemplar der heute weitgehend verlorenen böhmischen Retabelkunst aus der Zeit Karls IV., des Königs von Böhmen und Kaisers des Heiligen Römischen Reiches. Sein hoher Stellenwert innerhalb des europäischen Kulturerbes wurde seit Beginn des 20. Jahrhunderts durch zahlreiche Forschungen gewürdigt. Einzelne Teile des Altars sind bereits mehrfach als Leihgaben für große internationale Ausstellungsprojekte um die Welt gereist mit Stationen in Köln, Prag und New York.

Einzigartig ist auch seine kulturgeschichtliche Stellung als monumentaler Reliquienschrein. Auf diese zentrale Funktion verweist die in der Weihenotiz, also unserem Pergamentzettel, verwendete Bezeichnung des Altarwerks als archa, die im mittelalterlichen Sprachgebrauch die Bedeutungen Retabel, Truhe und Grabmal einschließt. Bei der letzten umfassenden Restaurierung von 1964 bis 74 entdeckte man hinter einigen Schnitzfiguren eine Reihe kleinster, in Stoff gehüllter Reliquienpartikel. Diese sogenannten „Reliquienpäckchen“ sind in der Kabinettausstellung im südlichen Querhaus im Dom noch bis zum 14. Dezember 2025 im Original zu sehen.

Wie kommt es, dass Kunstschätze im Dom noch nicht komplett erforscht sind?

Angesichts des großen Umfangs der im Dom verwahrten Schätze ist eine gründliche Erforschung einzelner Stücke nur nach und nach realisierbar. Viele Untersuchungen sind sehr kosten- und zeitaufwendig. Nachdem in den letzten Jahren die gesamte Aufmerksamkeit der Erforschung des Wandmalereizyklus der ehemaligen Dombibliothek galt, wurde in diesem Jahr nun ein weiterer Schritt der Erforschung unseres Bestands mit dem Böhmischen Altar unternommen. 

Anfang November fand eine interdisziplinäre Fachtagung am Dom zum Böhmischen Altar statt. Mit welchen Fragen hat sich die Tagung beschäftigt?

Ziel der interdisziplinären Fachtagung war es, diesen Altar erstmals im Kontext seiner ursprünglichen Bestimmung als Hochaltar des Brandenburger Domes zu untersuchen und sein Bildprogramm zu analysieren. So standen Fragen zur Architektur des Chorraums, zu raumstrukturellen Bezügen und zur Nutzung sowie zu Wechselbeziehungen mit anderen Ausstattungsstücken des Domes, die 1375 den religiös-liturgischen Alltag am Dom prägten, im Mittelpunkt.

Gab es eine besondere, neue Erkenntnis auf der Fachtagung für Sie?

Zu den zahlreichen neuen Erkenntnissen gehört die Bildausstattung der Alltagsseite der Predella, die in der Forschung aufgrund ihres äußerst fragmentarischen Erhaltungszustands bislang ausgeklammert wurde. Diese scheint ein am Modell der Armenbibel, der sogenannten Biblia pauperum, orientiertes Bildprogramm mit Szenen aus der Passion Christi integriert zu haben, das böhmische Einflüsse zeigt. Die Erforschung des Böhmischen Altars ist also bei weitem nicht abgeschlossen, das hat die Tagung auch gezeigt.

Die Kabinettausstellung zum Böhmischen Altar ist noch bis zum 14. Dezember 2025 kostenfrei im Brandenburger Dom zu sehen.
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